Saturday, April 10, 2010

Hochgeschnürtes


Ich gebe es gerne zu: ich bin nun nicht gerade der Reenactor mit dem fundiertesten geschichtlichen Sach- und Fachwissen. Ich betreibe mein Mittelalter-Hobby erst seit anderthalb Jahren, blicke außerhalb des Reenactmentbetriebes noch auf gefühlte 2-dreiviertel Unterrichtsstunden im historischen Fechten zurück und kann die Anzahl der bisher konsumierten Fachbücher zum Thema Mittelalter an der Hand eines Sägewerkarbeiters abzählen. Ich verfüge über keinerlei akademische Qualifikation in den für das Hobby relevanten Disziplinen und das meiste, was ich über die von unserer Gruppe dargestellte Zeitepoche des späten Hochmittelalters gelernt habe, ist Sekundärwissen, welches Gesprächen mit erfahreneren Gruppenmitgliedern und der Lektüre von einschlägigen Geschichtsforen im Internet entstammt. Muss ich mein Licht nun unter den Scheffel stellen? Angesichts meines lückenhaften Anfängerwissens eine verschämte Haltung an den Tag legen?

Hehehehe, aber nein, aber nein, aber nein, iwo! Genau genommen muss sich gar kein Reenactor mit Selbstrespekt für irgendetwas schämen, solange es...Trottel im Schnürkragenhemd gibt!

Zur Begriffsklärung: der gemeine Trottel im Schnürkragenhemd, zoologischer Fachbegriff Larpus ignorantis, ist im Allgemeinen männlich, befindet sich im jungen bis mittleren Erwachsenenalter und trägt gerne hässliche, historisierende Baumwollhemden, die für die Darstellung keiner (aber auch wirklich GAR KEINER) geschichtlichen Epoche vor den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu gebrauchen sind. Er ist strikt abzugrenzen vom Larpus conscientis, dem bekennenden Fantasy-Liverollenspieler, der Mittelaltermärkte zugunsten von reinen Rollenspiel-Conventions meidet und bei welchem das Tragen von Schnürkragenhemden lediglich auf einen unsäglich schlechten Geschmack und einen lachhaft kleinen Penis hinweist.

Der Trottel im Schnürkragenhemd leidet häufig unter einer Zwangsneurose, die ihn dazu bringt, unnütze Haushaltsgegenstände, insbesondere Trinkbehältnisse aus Horn, in eigens dafür konstruierten Gürtelhaltern stets erreichbar am Manne zu tragen. Inkognito reisende Trottel im Schnürkragenhemd versuchen oftmals, durch das Tragen merkwürdiger schwarzer Kapuzenmäntel, meist aus Baumwoll-/Synthetikgemisch, den Blicken der kritischen Marktöffentlichkeit zu entgehen, eine Strategie, die nur in Ausnahmefällen von Erfolg gekrönt ist.

Auch werden dem Trottel im Schnürkragenhemd eine geradezu elstern-hafte Vorliebe für blinkende, scheinbar aus ehemaligen Autoteilen gefertigte schwertähnliche Metallgegenstände nachgesagt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die proportionale Korrelation der Gesamtlänge dieser Objekte mit der Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Trottel im Schnürkragenhemd bevorzugt auf dem Rücken getragen werden.

Auch im Internet tummelt sich mittlerweile eine stattliche Anzahl von Trotteln im Schnürkragenhemd, häufig klar zu erkennen an eyner weythin verbreyteten Rechtschreybschwäche. In reenactment-spezifischen Foren haben sie sich bereits zu einem wahren dolor in podicem entwickelt, leicht erkennbar an ihrer Strategie, mit scheininteressierter Demutshaltung bei der sachkundigen Forumsmehrheit um Akzeptanz für ihre hanebüchenen Darstellungskonzepte zu werben. Bei fachlich fundierter Korrektur ("Nein, Langschwerter wurden im Allgemeinen nicht im paarweisen supercoolen Doppelschwerterstil geschwungen") nehmen sie in der Regel instinktiv die pissig-eingeschnappte Abwehrhaltung eines 12-jährigen Mädchens ein und verweigern sich im weiteren Gesprächsverlauf einer sachlichen Diskussionsführung.

Abgesehen von obig aufgeführten Merkmalen kann man einen Trottel im Schnürkragenhemd im persönlichen Gespräch auch an der überproportional häufigen Verwendung folgender Ausdrücke klar erkennen:

- Seyd gegrüßt
- A-Papst
- Taschendrache
- Edler Recke
- Holde Maid
- OOOOODIIIIIIIIIN!!!!!

Leider ist gegen die pestilenzartige Ausbreitung der bundesdeutschen Larpus-ignorantis-Populationen immer noch kein ausreichend giftiges Kraut gewachsen. Ein ebenso leicht verfügbares wie wirkungsvolles Mittel soll allerdings dem Volksmunde nach das gezielte Fingerzeigen im Verbund mit schallendem Gelächter sein.

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