Spricht man hingegen nun von den kämpferischen Traditionen des vormodernen (und frühmodernen) Europas, fällt das Urteil in der Regel weit weniger positiv aus. Während die meisten Menschen vielleicht gerade eben noch wissen, dass moderne Kampfsportarten wie das olympische Fechten auf bedeutend älteren Kampfkünsten aus der frühneuzeitlichen Ära basieren (Hey! Wenigstens Zorro und die drei Musketiere haben ja wohl gewusst, wie man die blitzenden Klingen kunstvoll tanzen lässt!), so übersteigt doch das Konzept von systematischen, hochentwickelten Kampfkünsten in früheren Zeiten (etwa im "finsteren" Mittelalter) in den allermeisten Fällen den Bildungshorizont sowie das Vorstellungsvermögen der Bevölkerungsmehrheit.
Dass die alten Ritter (oder andere martialische Gemeinposten, wie etwa "die Wikinger", "die Keltenkrieger" usw.) vielleicht eine kleine Handvoll "Tricks" bei der Ausübung ihres rohen Kriegshandwerks beherrschten, ist wohl das absolute Maximum dessen, was der asiaphile Möchtegern-Kampfkunstkenner bereit ist, anzuerkennen. Wie sollten unsere urwüchsig-primitiven Ahnen auch über nennenswert komplexe Kampftechniken verfügt haben? Glaubt doch der Durchschnittswestler spätestens seit dem Historismus des 19. Jahrhunderts, zu wissen, dass die ollen Jungens damals ohnehin mit irrsinnig schweren 20-Kilo-Eisenprügeln in der Gegend herumhämmerten und sich dabei mehr auf Muskelschmalz als auf sonst irgendetwas verließen. Ein reichlich schwachsinniges Klischee-Bild, welches zu allem Überfluss auch noch regelmäßig von selbsternannten Experten weiter elaboriert wird, so etwa von fachlich völlig unqualifizierten Sportfecht-Meistern oder gar von halbinformierten Museumskuratoren, deren einzige Konfrontation mit "Fechtkunst" vielleicht mal das Zerrbild der studentischen Mensur zu längst vergangenen Uni-Zeiten gewesen ist.
Dieses stereotype Bild von der kämpferischen Tradition des alten Europas ist freilich haarsträubendster Bullshit (ich sage Ja! zu Anglizismen). Auf die immens hohe Qualität und weithin unterschätzte Leichtigkeit und Führigkeit europäischer Hau-und-Draufklopp-Werkzeuge werde ich jetzt gar nicht erst eingehen. Das ist ein gutes Thema für einen zukünftigen Beitrag und würde den geplanten Rahmen dieses Posts sprengen. Es soll uns vorerst ausreichen, festzuhalten, dass die historischen Quellen ein ganz anderes Bild von der Art und Weise zeichnen, mit der sich die Menschen im prä-Feuerwaffen-Europa gegenseitig das Licht ausknipsten. Ob wir uns nun den (noch relativ vage gehaltenen) Beschreibungen der Kampfkunst in altisländischen Saga-Texten zuwenden, den Merkversen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer im Spätmittelalter oder (vor allem) den seit etwa 1300AD dutzendfach, wenn nicht hundertfach, auftauchenden und teilweise hochdetailliert bebilderten sogenannten Fechtbüchern:
Die Existenz von systematischen, organisierten und hochkomplexen Kampfkünsten im alten Europa, sowohl bewaffnet wie auch unbewaffnet, ist keine Spekulation und erst Recht kein Wunschdenken moderner Mittelalterfreaks, sondern eine historisch einwandfrei belegte und nicht wegzuleugnende Tatsache!
Wenn man mal logisch darüber nachdenkt, ist es eigentlich auch unsinnig, vom Gegenteil auszugehen. Warum sollten die unzähligen Bewohner eines gesamten Kontinents (dicht bevölkert und von hunderten von Königreichen, Fürstentümern und sonstigen politischen und sozialen Einheiten überzogen), die sich bereits seit Urzeiten gegenseitig die Schädel einschlugen, irgendwie zu blöde gewesen sein, systematische Techniken und Kampfstrategien zu entwickeln, die ihnen im Kriegsfalle das Überleben erleichterten???
Wieso sollten Kulturen im frühmittelalterlichen Europa, die bereits mehr als ein halbes Jahrtausend vor den Japanern das Wissen um die Herstellung hochwertiger, vielfach gefalteter Damast-Klingen besaßen, diese Meisterschwerter im Ernstfall plump und ohne jede Technik, gewissermaßen wie Eisenkeulen, geschwungen haben???
Aber wie bereits oben erwähnt können wir uns das ganze Plausibilitätsgefasel eigentlich auch schenken, denn die Existenz einer großen Anzahl europäischer Kampfkünste, die in punkto Komplexität, Wirksamkeit und Entwicklungsgrad mit jeder zeitgleich existierenden asiatischen Kampfkunst auf einer Stufe standen, ist für jeden Kenner der historischen Quellenlage Fakt und nicht Spekulation.
Es wird mir in diesem Kontext ein besonderes Anliegen sein, auch in Zukunft im Rahmen meines bescheidenen Wissens regelmäßig Beiträge zum Thema Europäische Kampfkunst bzw. Historisches Fechten zu veröffentlichen.
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