Thursday, April 22, 2010

Historisches Fechten - Die vergessene Tradition


Das Wort Kampfkunst wird heutzutage in West wie Ost fast augenblicklich mit den kämpferischen Traditionen Asiens in Verbindung gebracht. Sogleich steigen vor dem geistigen Auge des Durchschnittseuropäers Bilder von weiß gewandeten Gestalten auf, die von furchteinflößenden Schreien begleitet archaische Kampfbewegungen ausführen. Chinesische Kampfmönche führen einen ebenso eleganten wie tödlichen Reigen auf und stellen eine fast übermenschlich wirkende Körperbeherrschung zur Schau, während alte, ehrfurchtgebietende Männer mit langen, weißen Bärten von der Einheit von Körper, Geist und Seele fabulieren.

Spricht man hingegen nun von den kämpferischen Traditionen des vormodernen (und frühmodernen) Europas, fällt das Urteil in der Regel weit weniger positiv aus. Während die meisten Menschen vielleicht gerade eben noch wissen, dass moderne Kampfsportarten wie das olympische Fechten auf bedeutend älteren Kampfkünsten aus der frühneuzeitlichen Ära basieren (Hey! Wenigstens Zorro und die drei Musketiere haben ja wohl gewusst, wie man die blitzenden Klingen kunstvoll tanzen lässt!), so übersteigt doch das Konzept von systematischen, hochentwickelten Kampfkünsten in früheren Zeiten (etwa im "finsteren" Mittelalter) in den allermeisten Fällen den Bildungshorizont sowie das Vorstellungsvermögen der Bevölkerungsmehrheit.

Dass die alten Ritter (oder andere martialische Gemeinposten, wie etwa "die Wikinger", "die Keltenkrieger" usw.) vielleicht eine kleine Handvoll "Tricks" bei der Ausübung ihres rohen Kriegshandwerks beherrschten, ist wohl das absolute Maximum dessen, was der asiaphile Möchtegern-Kampfkunstkenner bereit ist, anzuerkennen. Wie sollten unsere urwüchsig-primitiven Ahnen auch über nennenswert komplexe Kampftechniken verfügt haben? Glaubt doch der Durchschnittswestler spätestens seit dem Historismus des 19. Jahrhunderts, zu wissen, dass die ollen Jungens damals ohnehin mit irrsinnig schweren 20-Kilo-Eisenprügeln in der Gegend herumhämmerten und sich dabei mehr auf Muskelschmalz als auf sonst irgendetwas verließen. Ein reichlich schwachsinniges Klischee-Bild, welches zu allem Überfluss auch noch regelmäßig von selbsternannten Experten weiter elaboriert wird, so etwa von fachlich völlig unqualifizierten Sportfecht-Meistern oder gar von halbinformierten Museumskuratoren, deren einzige Konfrontation mit "Fechtkunst" vielleicht mal das Zerrbild der studentischen Mensur zu längst vergangenen Uni-Zeiten gewesen ist.

Dieses stereotype Bild von der kämpferischen Tradition des alten Europas ist freilich haarsträubendster Bullshit (ich sage Ja! zu Anglizismen). Auf die immens hohe Qualität und weithin unterschätzte Leichtigkeit und Führigkeit europäischer Hau-und-Draufklopp-Werkzeuge werde ich jetzt gar nicht erst eingehen. Das ist ein gutes Thema für einen zukünftigen Beitrag und würde den geplanten Rahmen dieses Posts sprengen. Es soll uns vorerst ausreichen, festzuhalten, dass die historischen Quellen ein ganz anderes Bild von der Art und Weise zeichnen, mit der sich die Menschen im prä-Feuerwaffen-Europa gegenseitig das Licht ausknipsten. Ob wir uns nun den (noch relativ vage gehaltenen) Beschreibungen der Kampfkunst in altisländischen Saga-Texten zuwenden, den Merkversen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer im Spätmittelalter oder (vor allem) den seit etwa 1300AD dutzendfach, wenn nicht hundertfach, auftauchenden und teilweise hochdetailliert bebilderten sogenannten Fechtbüchern:

Die Existenz von systematischen, organisierten und hochkomplexen Kampfkünsten im alten Europa, sowohl bewaffnet wie auch unbewaffnet, ist keine Spekulation und erst Recht kein Wunschdenken moderner Mittelalterfreaks, sondern eine historisch einwandfrei belegte und nicht wegzuleugnende Tatsache!

Wenn man mal logisch darüber nachdenkt, ist es eigentlich auch unsinnig, vom Gegenteil auszugehen. Warum sollten die unzähligen Bewohner eines gesamten Kontinents (dicht bevölkert und von hunderten von Königreichen, Fürstentümern und sonstigen politischen und sozialen Einheiten überzogen), die sich bereits seit Urzeiten gegenseitig die Schädel einschlugen, irgendwie zu blöde gewesen sein, systematische Techniken und Kampfstrategien zu entwickeln, die ihnen im Kriegsfalle das Überleben erleichterten???

Wieso sollten Kulturen im frühmittelalterlichen Europa, die bereits mehr als ein halbes Jahrtausend vor den Japanern das Wissen um die Herstellung hochwertiger, vielfach gefalteter Damast-Klingen besaßen, diese Meisterschwerter im Ernstfall plump und ohne jede Technik, gewissermaßen wie Eisenkeulen, geschwungen haben???

Aber wie bereits oben erwähnt können wir uns das ganze Plausibilitätsgefasel eigentlich auch schenken, denn die Existenz einer großen Anzahl europäischer Kampfkünste, die in punkto Komplexität, Wirksamkeit und Entwicklungsgrad mit jeder zeitgleich existierenden asiatischen Kampfkunst auf einer Stufe standen, ist für jeden Kenner der historischen Quellenlage Fakt und nicht Spekulation.

Es wird mir in diesem Kontext ein besonderes Anliegen sein, auch in Zukunft im Rahmen meines bescheidenen Wissens regelmäßig Beiträge zum Thema Europäische Kampfkunst bzw. Historisches Fechten zu veröffentlichen.

Weitere Lektüre:

Saturday, April 10, 2010

Hochgeschnürtes


Ich gebe es gerne zu: ich bin nun nicht gerade der Reenactor mit dem fundiertesten geschichtlichen Sach- und Fachwissen. Ich betreibe mein Mittelalter-Hobby erst seit anderthalb Jahren, blicke außerhalb des Reenactmentbetriebes noch auf gefühlte 2-dreiviertel Unterrichtsstunden im historischen Fechten zurück und kann die Anzahl der bisher konsumierten Fachbücher zum Thema Mittelalter an der Hand eines Sägewerkarbeiters abzählen. Ich verfüge über keinerlei akademische Qualifikation in den für das Hobby relevanten Disziplinen und das meiste, was ich über die von unserer Gruppe dargestellte Zeitepoche des späten Hochmittelalters gelernt habe, ist Sekundärwissen, welches Gesprächen mit erfahreneren Gruppenmitgliedern und der Lektüre von einschlägigen Geschichtsforen im Internet entstammt. Muss ich mein Licht nun unter den Scheffel stellen? Angesichts meines lückenhaften Anfängerwissens eine verschämte Haltung an den Tag legen?

Hehehehe, aber nein, aber nein, aber nein, iwo! Genau genommen muss sich gar kein Reenactor mit Selbstrespekt für irgendetwas schämen, solange es...Trottel im Schnürkragenhemd gibt!

Zur Begriffsklärung: der gemeine Trottel im Schnürkragenhemd, zoologischer Fachbegriff Larpus ignorantis, ist im Allgemeinen männlich, befindet sich im jungen bis mittleren Erwachsenenalter und trägt gerne hässliche, historisierende Baumwollhemden, die für die Darstellung keiner (aber auch wirklich GAR KEINER) geschichtlichen Epoche vor den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu gebrauchen sind. Er ist strikt abzugrenzen vom Larpus conscientis, dem bekennenden Fantasy-Liverollenspieler, der Mittelaltermärkte zugunsten von reinen Rollenspiel-Conventions meidet und bei welchem das Tragen von Schnürkragenhemden lediglich auf einen unsäglich schlechten Geschmack und einen lachhaft kleinen Penis hinweist.

Der Trottel im Schnürkragenhemd leidet häufig unter einer Zwangsneurose, die ihn dazu bringt, unnütze Haushaltsgegenstände, insbesondere Trinkbehältnisse aus Horn, in eigens dafür konstruierten Gürtelhaltern stets erreichbar am Manne zu tragen. Inkognito reisende Trottel im Schnürkragenhemd versuchen oftmals, durch das Tragen merkwürdiger schwarzer Kapuzenmäntel, meist aus Baumwoll-/Synthetikgemisch, den Blicken der kritischen Marktöffentlichkeit zu entgehen, eine Strategie, die nur in Ausnahmefällen von Erfolg gekrönt ist.

Auch werden dem Trottel im Schnürkragenhemd eine geradezu elstern-hafte Vorliebe für blinkende, scheinbar aus ehemaligen Autoteilen gefertigte schwertähnliche Metallgegenstände nachgesagt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die proportionale Korrelation der Gesamtlänge dieser Objekte mit der Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Trottel im Schnürkragenhemd bevorzugt auf dem Rücken getragen werden.

Auch im Internet tummelt sich mittlerweile eine stattliche Anzahl von Trotteln im Schnürkragenhemd, häufig klar zu erkennen an eyner weythin verbreyteten Rechtschreybschwäche. In reenactment-spezifischen Foren haben sie sich bereits zu einem wahren dolor in podicem entwickelt, leicht erkennbar an ihrer Strategie, mit scheininteressierter Demutshaltung bei der sachkundigen Forumsmehrheit um Akzeptanz für ihre hanebüchenen Darstellungskonzepte zu werben. Bei fachlich fundierter Korrektur ("Nein, Langschwerter wurden im Allgemeinen nicht im paarweisen supercoolen Doppelschwerterstil geschwungen") nehmen sie in der Regel instinktiv die pissig-eingeschnappte Abwehrhaltung eines 12-jährigen Mädchens ein und verweigern sich im weiteren Gesprächsverlauf einer sachlichen Diskussionsführung.

Abgesehen von obig aufgeführten Merkmalen kann man einen Trottel im Schnürkragenhemd im persönlichen Gespräch auch an der überproportional häufigen Verwendung folgender Ausdrücke klar erkennen:

- Seyd gegrüßt
- A-Papst
- Taschendrache
- Edler Recke
- Holde Maid
- OOOOODIIIIIIIIIN!!!!!

Leider ist gegen die pestilenzartige Ausbreitung der bundesdeutschen Larpus-ignorantis-Populationen immer noch kein ausreichend giftiges Kraut gewachsen. Ein ebenso leicht verfügbares wie wirkungsvolles Mittel soll allerdings dem Volksmunde nach das gezielte Fingerzeigen im Verbund mit schallendem Gelächter sein.

Eine kleine Einleitung


Nun ist es also tatsächlich soweit gekommen!

Nachdem Freienfels anno 2010 von unserer Reenactmentgruppe wohl dezent umschifft werden wird, mir die Nachwirkungen der letztjährlichen Bandscheibenoperation seit nunmehr 9 Monaten die Fortsetzung des historischen Fechtens vermiesen und die chronische Geldknappheit sogar den von langer Hand geplanten Wiedereinsteig ins mittelalterlich eher unbelastete Liverollenspiel verhindert, haben mich Nostalgie, Apathie und Lethargie also letztendlich doch dermaßen an den Eiern gepackt, dass ich mich entschieden habe, pünktlich zum Frühlingsanfang einen Blog mit fachlich sparsam qualifiziertem Gequassel über eines meiner liebsten Themengebiete ins Netz zu stellen:

Die bunte Welt der (post-)modernen Mittelalterszene und alles, was sonst noch denkt, es müsste unbedingt dazugehören.

Da ich mich glücklicherweise zu jenen Wissensparasiten zähle, die sich niemals selbst mit einem Studium der Geschichte, Archäologie oder historischen Linguistik herumärgern mussten, verspreche ich Euch auch, dass es im folgenden nicht allzu trocken und verstaubt-akademisch zugehen wird. Dafür aber umso polemischer.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch

Euer Mister Martinito.